Quo vadis, europäische Wirtschaft?
Die Hoffnungen auf ein Ende der Lethargie der deutschen Wirtschaft wachsen. Wegen vermehrter öffentlicher Investitionen u.a. für den Verteidigungssektor sowie wieder erhöhter Exportnachfrage legt das ifo Geschäftsklima weiter spürbar zu und blickt optimistischer auf die zweite Jahreshälfte. Besonders dynamisch zeigen sich die ifo Geschäftserwartungen.

Im transatlantischen Vergleich liegt sogar das konjunkturelle Überraschungsmoment klar auf europäischer Seite. Eine entsprechend Outperformance von Euro- zu US-Aktien ist allerdings noch nicht erkennbar.
Grafik der Woche

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Ohne eine endlich durchgreifende Beseitigung von Strukturdefiziten mit Energiepreis-, Steuer- und Abgabensenkungen sowie einem erkennbaren Rückbau der Bürokratie wird die deutsche Wirtschaft nicht an frühere Erfolge anknüpfen können. „Darf es ein bisschen mehr Reform sein?“ kann nicht das Motto deutscher Wirtschaftspolitik sein. Nicht kleckern, sondern bei Reformen klotzen, ist die Devise. Aufgrund einer schwierigen politischen Lage ist damit aber nur eingeschränkt zu rechnen.
Europäische Aktien gegen die US-Konkurrenz
Für viele deutsche börsennotierte Unternehmen ist das heimische Wirtschaftsschicksal aber weniger bedeutend. Sie machen ihre Umsätze und Gewinne in immer größerem Ausmaß im Ausland, wo das Gras offensichtlich grüner ist. Vor diesem Hintergrund müssen sich Europas Börsen vor der US-Konkurrenz nicht verstecken.
Europa stützt auch, dass Anleger KI und die darauf entfallenden massiven KI-Investitionen weniger durch die rosarote Euphorie- und mehr durch die Wirtschaftlichkeits-Brille betrachten. Sicher, die strukturellen Treiber des KI-Booms und ihr Gewinnvorteil bleiben intakt. Ebenso bleiben US-Aktien in der Pole Position. Dennoch wird wieder mehr über den Tellerrand der Tech-Bubble geblickt. Attraktive Werte finden sich auch in Europa.
Denn das Know-How der europäischen Industrie ist beim Ausbau der weltweiten KI-Infrastruktur durchaus gefragt. Ihre umsatz- und produktionsseitig international breite Aufstellung sorgt für Widerstandsfähigkeit gegenüber geo- und handelspolitischen Irritationen. Ohnehin bleibt Europas Gewinnwachstum wegen der Aussicht auf weltwirtschaftliche und damit exportseitige Aufhellungen fundamental gut unterfüttert.

Trotz der zuletzt strafferen Zinspolitik der EZB kommen die Aktienmärkte der Eurozone im Vergleich zu den USA sogar in den Genuss einer lockereren Geldpolitik. So sind die realen Notenbankzinsen der EZB gegenüber der Fed seit Frühjahr negativ und entfalten zusätzliche konjunkturelle Wirkung.

Aufgrund geldpolitisch nicht konsequent bekämpfter Inflation stellen Zinsen von Geldmarktanlagen insofern kaum Konkurrenz zu Aktien dar.
Das unsichere Inflationsumfeld könnte die EZB zwar zu einer weiteren Zinsanhebung veranlassen. Doch zeigt das Protokoll der letzten US-Notenbanksitzung, dass auch bei der Fed zumindest noch eine Glaubwürdigkeits-Zinserhöhung theoretisch möglich ist. Insgesamt bleibt der anlagetechnische Zinsvorteil für Europa erhalten.
Ein Europa-freundliches Aktienbild zeigt sich ebenso bei den Risikoprämien, gemessen jeweils als Gewinnrendite abzüglich der Staatsanleiherenditen. Das gilt übrigens auch für die Dividendenrenditen.

Die vor allem infrastrukturell verbesserte weltwirtschaftliche Stimmung wird auch immer mehr den exportseitigen, zyklischen Aktien der zweiten und dritten Reihe zugutekommen.

Industrie- und Chemiewerte sind besondere Nutznießer, die zusätzlich von den harten Restrukturierungsprogrammen und der zunehmende Produktspezialisierung profitieren.

Bei beiden deutschen Schicksalsbranchen ist mittlerweile ein solider Gewinnhebel zu erkennen. Banken profitieren von ihrer gesteigerten Rentabilität und Aktienrückkäufen. Der Einzelhandel leidet jedoch unter der allgemeinen Konsumentenverunsicherung.

Marktlage - Wiedergeburt von Bitcoin & Co.?
Mit der Ausweitung ihrer Sanktionen erhöhen die USA den wirtschaftlichen Druck auf den Iran. Dennoch zeigen sich die Ölpreise nicht irritiert, da Anleger wirtschaftliche Sanktionen als geringeres Risiko für die Ölversorgung betrachten als eine militärische Eskalation. Auch sieht Washington vorerst trotz Drohungen von Strafen gegen Länder ab, die mit dem Iran wirtschaftliche Beziehungen pflegen. Davon wäre zwangsläufig auch China als wichtigster Handelspartner Teherans betroffen. Weltweit resiliente Aktienbörsen dokumentieren, dass Amerika an keiner nachhaltigen Störung des mühsam erreichten Handelsfriedens mit China interessiert ist.
Auch Kryptos finden bei Anlegern wieder mehr Anklang. Seit Herbst 2025 war der Bitcoin als zinslose Anlageform weniger gefragt, als die Zinsen wegen höherer Inflation und Verschuldungskrisen stiegen. Und im direkten Vergleich hatte Gold die Nase vorn, dem als sicherer Hafen mehr als dem Bitcoin zugetraut wurde, der als Tech-Proxy ohnehin unter die Räder der vergangenen KI-Ernüchterung kam.
Doch sendet US-Finanzminister Bessent ein klares Signal zur Eindämmung der seit Monaten stetig steigenden US-Staatsanleiherenditen. Konkret sollen im Herbst für mindestens 52 Mrd. langlaufende Anleihen gekauft werden, die über höhere Neuverschulung mit kurzer Laufzeit, bei denen die Zinsen im Vergleich zum langen Ende niedriger sind, gegenfinanziert werden.
Im Falle eines Falles wird jedoch ebenso die US-Notenbank eingreifen, um angesichts der Überschuldung auch der Verbraucher kein Zins-Armageddon zu riskieren. Im Vergleich zur Fiskalpolitik ist die Geldpolitik als von der Regierung unabhängige Institution unverdächtig. Und da bei ihr Inflationsbekämpfung nur die zweite Geige spielt, da Preissteigerungen auch Verschuldung „auffressen“, hat die Attraktivität von Zinsanlagen gegenüber Bitcoin wieder abgenommen.
Als Stimmungsaufheller wirkt auf Bitcoin auch Trump, der kürzlich auf dem Krypto-Gipfel im Weißen Haus die Schlüsselrolle der digitalen Vermögenswerte hervorhob. Und mit der Verabschiedung des Clarity Acts am 15. September, für den überparteiliche Zustimmung als sicher gilt, erhält der Krypto-Sektor die nötigen höheren Weihen, wodurch die USA zur führenden Krypto-Nation werden sollen. Nicht zuletzt hat die Stabilität von High-Tech auch zu einer Renaissance von Kryptowährungen geführt.
Charttechnisch ist der übergeordnete Trend noch abwärtsgerichtet. Mit Kurssprüngen von jeweils gut 20 Prozent haben Bitcoin und Ethereum immerhin ihre 200-Tage-Linie zurückerobert, was das langfristige charttechnische Bild aufhellt. Allerdings liegt der Crypto Fear & Greed Index als Kontraindikator im Bereich der Gier und deutet ebenso wie andere charttechnische Indikatoren auf eine kurzfristig überkaufte Situation hin. Damit steigt das Risiko von Gewinnmitnahmen.
Kurzfristig bleibt ein Einstieg spekulativ. Für langfristig orientierte Anleger ist ein schrittweiser Aufbau von Positionen sinnvoller als ein Einmalkauf, um Kursschwankungen besser abzufedern.
Ja, eine gewisse Wiedergeburt von Bitcoin & Co. ist zu beobachten. Grundsätzlich bleibt aber der harte Wettbewerb mit Gold um die Vorherrschaft bei Stabilitätsanlagen intakt.

Sentiment und Charttechnik DAX - Aktien-Volatilität ist kein Feind der Anleger
Dass Fondsmanager laut Umfrage der Bank of America so stark in Aktien übergewichtet sind wie zuletzt Ende 2021, spricht für eine gewisse Unbekümmertheit. Doch zeigt dies grundsätzlich auch, dass smart money die bekannten Risiken einpreist.
Von einer ausgeprägten Anleger-Euphorie, die durch Spekulationen auf steigende Kurse an den Terminmärkten befeuert wird und Gefahr läuft, in Enttäuschung umzuschlagen, sind die Börsen ohnehin weit entfernt.

Nicht zu vergessen ist, dass die aktuelle Sektor-Rotation von Growth zu Value die Börsen sogar stabilisiert.
Zwar sind wieder stärkere Kursschwankungen mit Blick auf die Rede von Fed-Chef Warsh auf dem US-Notenbank-Symposium in Jackson Hole oder geopolitische Störungen einzukalkulieren. Doch sind Schwankungen aufgrund der insgesamt positiven Rahmendaten ein gutes Argument für mindestens regelmäßiges Aktiensparen in Einzeltiteln oder breitere Anlagevehikel.
Charttechnisch liegen auf dem Weg nach oben die nächsten Widerstände im DAX bei 26.165, 26.175, 26.265 und 26.306 Punkten. Im Falle einer Gegenbewegung bieten die Marken bei 26.050, 26.017, 25.940 und 25.905 Punkten Unterstützung.




