Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer
Die Deeskalation im Iran-Konflikt verhindert, dass die deutsche Konjunkturstimmung noch tiefer sinkt. Dass das ifo Institut seine Wachstumsaussichten für dieses Jahr auf 0,8 nach zuvor 0,6 Prozent angehoben hat, erlaubt gleichwohl kaum die Bezeichnung Konjunkturbeschleunigung.
Grafik der Woche

Die sich stabilisierenden ifo Geschäftserwartungen liegen immer noch unter dem Niveau vor dem Iran-Krieg. Und dass die Zukunftseinschätzung der Lagebeurteilung weiter hinterläuft, ist nach rund einem Jahr staatlicher Investitionsoffensive für Infrastruktur und Verteidigung ernüchternd.
Selbst wenn es bei der Rentenreform Anzeichen für ein Restleben des Reformwillens gibt, ist die Beseitigung der Strukturdefizite nicht nur Kosmetik, sondern Kernsanierung.
Ohne mutige Strukturpolitik - weniger Bürokratie, mehr Digitalisierung, bessere Bildung, ordentliche Energieversorgung zu tragbaren Preisen und eine wirtschaftsfreundlichere Verwendung öffentlicher Mittel - bleibt der Weg für einen Aufschwung schwierig. Übrigens, ein zügig wirkendes Mittel für mehr Wachstum sind Steuersenkungen („Mehr Cash in de Täsch“) wie z.B. in Japan.
Eine sich im Status Quo laut ifo Institut beschleunigende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit mit einem bis Ende des Jahrzehnts auf 0,1 Prozent absinkenden Potenzialwachstum ist kein Weckruf für die als wirtschaftsweise auftretende Politik, sondern ein Knall. Aber einige haben den Knall nicht gehört.
Hoffnung bei der Fußball-WM ist berechtigt, bei der Weltkonjunktur ist sie trügerisch
Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Aufhellung der Weltwirtschaft kein verlässlicher Impuls mehr für den deutschen Export ist. Die Industrie in Deutschland verliert international an Bedeutung und auf breiter Front Marktanteile z.B. an China. Hinzu kommt der Protektionismus im wichtigen US-Absatzmarkt.
Bei den Branchen geht es zwar nach oben. Doch bleiben alle Branchen in negativem Terrain. Das Verarbeitende Gewerbe als Rückgrat der Wirtschaft blickt wegen erwarteter verbesserter Energieverfügbarkeit und -preisen zumindest weniger pessimistisch in die Zukunft.
Im Dienstleistungssektor bewegen sich die Erwartungen nahezu unverändert auf einem Niveau, das nicht nach Aufbruch ruft. Am Bau bleibt die Stimmung wegen fehlender Aufträge angeschlagen. Auch der Handel kommt nicht in Fahrt. Viele Verbraucher halten aus Angst vor unsicheren Konjunktur- und Arbeitsmarktaussichten lieber den Geldbeutel geschlossen.

Was hat der deutsche Aktienmarkt noch mit dem Wirtschaftsumfeld in Deutschland zu tun?
Aufgrund des Standortnachteils verstärken viele börsennotierte Industrieunternehmen teilweise deutlich ihre Aktivitäten in wirtschaftsfreundlicheren Auslandsstandorten. Für den deutschen Makrokosmos schlecht, aber für ihren Mikrokosmos gut, profitieren sie u.a. in den USA von niedrigeren Steuern, Sozialabgaben, Deregulierung und sicherem sowie günstigem Zugang zu Energie. Mit KI ist in den USA ohnehin die Zukunft zuhause, von der Industrieunternehmen als Abnehmer dort effizienzsteigernd profitieren.
Auch die zweite Aktien-Reihe profitiert von der Internationalisierung, auch wenn der MDAX gegenüber dem großen Bruder DAX wegen seines vergleichsweise größeren Heimatbezugs einen Teil seiner Outperformance seit 2025 (Reformhoffnungen wegen der neuen Bundesregierung) abgegeben hat.

Zudem sind deutsche Aktien aus der zweiten Reihe weiter günstig bewertet. Ihr Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt etwa 10 Prozent unterhalb des Durchschnittswerts der vergangenen 10 Jahre. Im Gegensatz dazu ist der DAX aktuell knapp 10 Prozent teurer bewertet.

Marktlage - Zins und Tech-Ängste als kalte Duschen für überhitzte Börsen?
Die unverblümte Ansage des neuen US-Notenbankchefs Kevin Warsh, die Fed werde Preisstabilität liefern, hallt an den Finanzmärkten negativ nach. Tatsächlich preisen die Terminmärkte mit knapper Wahrscheinlichkeit beginnend ab September zunächst eine Zinserhöhung in diesem Jahr um 25 Basispunkte ein und eventuell im nächsten Jahr eine weitere.

Kurzfristig jedoch nehmen Renditesteigerungen bei US-Staatsanleihen der Fed die schmutzige Zinserhöhungs-Arbeit ab, so dass diese ab Herbst nicht mehr nötig sind. Längerfristig sorgt ein neues Inflationsmaß bei der Fed ohnehin für „Zinserhöhungsverniedlichung“. Denn liegt die bisher verwendete Preissteigerungsrate bei 3,8 Prozent, läge die neue getrimmte Variante, bei der über- und unterschießende Entwicklungen abgeschnitten, getrimmt werden, bei lediglich 2,35 Prozent. Mit neuer Preismessung ist Preisstabilität also viel einfacher zu erreichen.
Die Zeit spielt ohnehin für die Fed. Sinkende Energiepreise und fallende Inflationserwartungen werden Zinsängste auf absehbare Zeit dämpfen. Ab Februar 2027 spricht dies bei auch tatsächlich stark rückläufigen Inflationsraten sogar für Zinserleichterungen.
Konkret, dass die USA dem Iran ein 60-tägiges Zeitfenster eingeräumt haben, Öl erstmals seit Jahrzehnten an beliebige Abnehmer zu verkaufen, verbessert die Verfügbarkeit auf dem Weltmarkt und drückt den Ölpreis bereits auf den niedrigsten Stand seit Kriegsausbruch. Auch wenn die weiteren Verhandlungen sicher nicht geradlinig verlaufen und zwischenzeitlich zu erhöhter Aktien-Volatilität führen, scheint sich der Irankonflikt dennoch langsam Richtung nachhaltiger Deeskalation zu bewegen. Der Vernunft gehorchend hat keine Seite Interesse an einer langen Auseinandersetzung.
Bis die Finanzmärkte den neuen Kurs der Fed durchblicken, dürfte zwar noch etwas Zeit vergehen. Daher reagieren insbesondere High-Tech-Werte, die ihre Milliarden schweren KI-Investitionen zunehmend auch über Schulden finanzieren, auf das aktuelle Zinserhöhungsrisiko irritiert.
Kurzfristige Korrekturen und Phasen erhöhter Schwankungen bei Technologieaktien - wie z.B. bei Chip-Herstellern - sind nach den zuletzt deutlichen Kursanstiegen keineswegs ungewöhnlich. Aktuell schichten laut JPMorgan institutionelle Investoren Aktien im Wert von rund 165 Mrd. US-Dollar in Anleihen um. Dieses stärkste Portfolio-Rebalancing seit vier Jahren hinterlässt seine Spuren naturgemäß bei den bisherigen Outperformern.
Insgesamt tragen Korrekturen zu einer langfristig gesunden Marktentwicklung bei, da gehebelte Anlagestrategien verdrängt werden. Auch wenn überzogene Erwartungen zeitweise korrigiert und näher an die tatsächliche fundamentale Lage angepasst werden, ändert dies nichts an den langfristig attraktiven Perspektiven. Diese Einschätzung wird im Durchschnitt auch von der Berichtssaison bestätigt. KI bleibt wegen zunehmender Anwendung in der gesamten Volkswirtschaft ein bedeutender Wachstumstreiber und an den Kapitalmärkten ein Megathema.
Great or Little Britain?
Nach dem Rücktritt von Premierminister Keir Starmer ist die Frage, inwieweit sein potenzieller Nachfolger Andy Burnham das Vereinigte Königreich aus dem Tal der Tränen herausführen kann. Mittlerweile liegen britische Anleiherenditen oberhalb denen von griechischen Papieren.

Der Reformstau ist auf allen Ebenen gewaltig, um UK nach dem wohlstandsschädigenden Brexit 2016 wieder wettbewerbsfähig zu machen. Die Etablierung einer neuen nachhaltigen Industriepolitik ist eine Mammutaufgaben, an der seit 2016 bereits sechs Regierungs-Chefs gescheitert sind.
Burnham bekennt sich zwar zu Reformen und geltenden Fiskalregeln. Worte sind jedoch billiger als Taten. Seine staatswirtschaftliche Einstellung kann er nicht leugnen.
Immerhin ist von der Bank of England angesichts der jüngsten Beruhigung bei Energiepreisen und damit Inflationserwartungen kein zinspolitisches Störfeuer zu erwarten.
Für eine Dynamisierung der Konjunktur läge eine verstärkte Hinwendung zu Europa und deutlich mehr Marktwirtschaft nahe. Die Zollunion wäre ein erster Schritt. Allerdings ist der auch börsentechnisch sinnvolle Schritt eines Wiedereintritts in die EU in London zumindest vorerst politisch tabu. Britischen Konsumaktien käme die Wiederannäherung an den größten Binnenmarkt der Welt sicherlich zugute.
Chancen bestehen derzeit bei Versorgern, die von der Modernisierung der Wasser- und Energieinfrastruktur profitieren, während Banken ihr Kreditwachstum bei robusten Netto-Zinserträgen zugutekommt.
Im Vergleich zu seinem 10-Jahres-Durchschnitt ist der britische Leitindex FTSE 100 mit leichtem Abschlag bewertet, was für Nachholpotenzial spricht. Je mehr Liebe zu Europa und zu Margaret Thatcher, umso besser.

Sentiment und Charttechnik DAX - Über den Sommer volatiler, aber grundsätzlich stabil
Gemäß Umfrage der Bank of America halten rund 80 Prozent der Fondsmanager die offensive Positionierung bei globalen Halbleiter-Aktien für ein Konzentrationsrisiko, das die Rallye anfällig für vorübergehende Korrekturen macht.
Doch befindet sich der aus sieben Marktindikatoren zusammengesetzte Fear & Greed Index von CNN Business an der Grenze zu extremer Angst und signalisiert als Kontraindikator nur kurzzeitige Korrekturen. Insofern sollten Anleger zumindest in Form regelmäßiger Sparpläne investiert bleiben.
Unter den Annahmen, dass die Fed in puncto Zinsrestriktionen bellt, nicht beißt und einer beruhigteren geopolitischen Großwetterlage, die der weltwirtschaftlichen Genesung Vorschub leistet, wird die Aktienstimmung über den Sommer zwar etwas volatiler verlaufen, aber grundsätzlich stabil bleiben.

Charttechnisch liegen auf dem Weg nach oben Widerstände bei 24.765, 24.807 und 24.895 Punkten. Weitere Barrieren folgen bei 25.035, 25.100 und 25.175. Auf der Unterseite liegen Unterstützungen bei 24.635, 24.600, 24.410 und 24.225 Punkten.




