Der Iran-Konflikt bleibt vorerst die Schlüsselfrage an den Finanzmärkten

Der Nahost-Konflikt ist das bestimmende Börsen-Thema. Wenn auch von Entspannung noch nicht die Rede sein kann, haben dennoch alle Konfliktparteien zur Vermeidung eigener (wirtschafts-)politischer Kollateralschäden Interesse an einer Abkühlung des Iran-Kriegs. Tatsächlich gibt es an den Aktienmärkten mitunter Hoffnungszeichen.
Der Markt unter der Lupe
Der Markt unter der Lupe
26.03.2607:40
Der Markt unter der Lupe
Von Robert Halver

Die Lage im Nahost-Krieg bleibt unübersichtlich. Einerseits steht Trumps Drohkulisse, ab Samstag mit der Zerstörung der Energieinfrastruktur des Iran zu beginnen, falls die Blockade der Straße von Hormus nicht endet, noch im Raum. Auch die Verlegung von US-Bodentruppen in die Region sowie Erwägungen der Golf-Staaten wie Saudi-Arabien, aktiv am Kriegsgeschehen teilzunehmen, deuten nicht auf baldige Deeskalation hin.

Doch ist der Druck auf Trump über die Wirkungsketten von Inflation, Zinserhöhungsängsten, steigenden Anleiherenditen, Konjunkturschäden, Aktienkorrekturen und schlechten Umfragewerten so gewaltig, dass er abseits starker Worte an der Verteilung von Beruhigungspillen zum Zweck der baldigen Kriegsbeendigung nicht vorbekommt. An den Wettmärkten wird bereits darauf gesetzt, dass die Demokraten bei den Zwischenwahlen im November beide Kammern des Kongresses zurückerobern könnten.

Und so hat der US-Präsident einen 15-Punkte-Plan mit einmonatiger Waffenruhe vorgelegt, der jedoch für den Iran unannehmbare Maximalforderungen beinhaltet. Diese Bedingungen sind dem Umstand geschuldet, dass der US-Präsident aus Glaubwürdigkeitsgründen nicht den reuigen Sünder spielen kann, der einen blamablen Rückzug antritt.

Dennoch signalisiert Amerika hiermit seine grundsätzliche Bereitschaft für Verhandlungslösungen. In diesem Zusammenhang wird das Mullah-Regime auf glaubhafte Zusicherungen pochen, dass es nicht unmittelbar vor dem Machtverlust steht. Die Aufhebung der Blockade der Straße von Hormus wird Teheran dabei als Lock- und Druckmittel einsetzen.

Dann würde die korrespondierende Entspannung der Energiepreise nicht lange auf sich warten lassen. Auch Energiemärkte bezahlen Zukunft. Diese Einschätzung spiegelt sich offenbar auch in Inflationserwartungen wider, die langfristig stabil sind.

Grafik 1: Langfristige Inflationserwartungen USA und Europa

Offiziell ja, aber inoffiziell kann Geldpolitik heute nicht mehr nur Inflationsbekämpfer sein

Verbal zeigen sich Fed & Co. als strikte Anhänger von Preisstabilität. Angesichts der Aussicht bzw. zumindest der Hoffnung auf eine eher nur kurzfristige Inflationsdelle und nicht langfristige -beule werden sie tunlichst auf Zinsrestriktionen verzichten. Nur im Extremfall würden sie schwach falkenhaft handeln, um ihren „guten Stabilitätswillen“ zu zeigen.

Bei der Fed steht aktuell mindestens eine weitere Zinssenkung - wenn auch nicht im Frühjahr - auf der Tagesordnung. Schließlich ringt sie bereits mit einem abkühlenden Arbeitsmarkt und Fehlentwicklungen auf den privaten Kreditmärkten. Erschwerend kommen jetzt auch noch hohe Energiekosten und Kaufkraftverluste hinzu, die dem Konsum zusetzen. Markant restriktive Geldpolitik würde Wachstum und den Zinsdienst auf die Staatsverschuldung noch mehr erschweren sowie den Stress bei Privatkrediten und nicht zuletzt am Immobilienmarkt vergrößern.

Auch die EZB will die konjunkturellen Abwärtskräfte - die übrigens inflationsbremsend wirken - nicht noch mit Zinsanhebungen verschärfen. Dabei hat sie ebenso die zuletzt ansteigenden Staatsanleiherenditen der Eurozone im Blick. Für Sorgenkind Frankreich notieren die 10-jährigen auf dem höchsten Stand seit 2011 und belasten den Schuldendienst massiv. De facto sind der EZB die Hände gebunden: Sie muss Schuldenkrisen verhindern und die Konjunktur stützen.

Diese geldpolitische Einschätzung sorgt für Stabilität an den Aktienmärkten.

Als hätte die deutsche Wirtschaft nicht schon genug Probleme

Tatsächlich sind die europäische, aber vor allem die deutsche Wirtschaft Sorgenkinder. Beim ifo Geschäftsklimaindex zeigt sich zwar die ifo Geschäftslage stabil, wenn auch auf weiter niedrigem Niveau. Unternehmen sind heutzutage in puncto Energielieferungen deutlich breiter aufgestellt und können Energieschocks immerhin kurzfristig besser abfedern. Allerdings zeugt die Eintrübung der ifo Geschäftserwartungen von den wirtschaftlichen Streuwirkungen, die von den energieseitigen Unsicherheitspotenzialen zukünftig ausgehen können.

Grafik 2: ifo Geschäftsklimaindex, -erwartungen und -lage

Wenig überraschend ist die rohstoffabhängige Industrie besonders betroffen. Und die Baubranche rechnet mit Gegenwind aufgrund steigender Finanzierungskosten. Aber auch Handel sowie Dienstleister bekommen den Kaufkraft- und Stimmungsverlust der Verbraucher zu spüren.

Grafik 3: ifo Geschäftserwartungen nach Branchen

Setzt man ifo Geschäftslage und -erwartungen zueinander in Bezug, bleibt die deutsche Wirtschaft im II. Quartal im Rezessionsterrain. Dazu passen die laut Umfragen unter Banken für dieses Jahr reihenweise gesenkten Wachstumsprognosen für Deutschland auf im Durchschnitt 1,0 nach 1,4 Prozent. Käme es tatsächlich zur Energieverknappung, wäre ein Null-Wachstum schon ein Erfolg.

Grafik der Woche

Grafik 4: ifo Konjunkturmatrix

Marktlage - An Volatilität müssen sich die Anleger vorerst gewöhnen, na und?

Solange der Nahostkonflikt anhält, ist mit erhöhten Kursschwankungen an den Aktienmärkten zu rechnen, insbesondere für Konjunkturwerte. Wird vor den Osterfeiertagen keine zumindest halbwegs stabile Seitenlage in der Krisenregion erreicht, werden Anleger mit Blick auf die handelsfreien Tage zunächst keine großen Engagements eingehen wollen.

Grafik 5: Geopolitical Risk Index und Kursschwankungen im DAX

Die bevorstehende Berichtssaison für das I. Quartal 2026 entwickelt sich zum fundamentalen Stimmungstest. Im Fokus stehen die Ausblicke und inwiefern energieseitig steigendem Kostendruck durch zunehmende Produktivität mittels Einsatzes von KI entgegengewirkt wird.

Die hohen Energiepreise hinterlassen bereits Spuren in abgeschwächten Gewinnerwartungen der Eurozone, Deutschlands und Japans, die besonders von der energieintensiven old economy geprägt sind. Im Gegensatz dazu profitieren Schwellenländer und Amerika von der fortschreitenden Digitalisierung der Weltwirtschaft. Im Vergleich sind sie von weniger konjunkturabhängigen Technologiewerten geprägt.

Grafik 6: Gewinnwachstum Schwellenländer, USA, Eurozone, Deutschland und Japan

Grundsätzlich haben die Korrekturen am Aktienmarkt insgesamt zu einer Entspannung der Bewertungen geführt, die am US-Aktienmarkt und vor allem bei weltweiten Technologiewerten bereits weit vorangeschritten ist. In der Vergangenheit boten sich hier attraktive Einstiegschancen.

Grafik 7: KGV-Bewertung Schwellenländer, USA, Eurozone, Deutschland und Japan

Ohnehin zeigt die Finanzgeschichte, dass sich Aktienmärkte immer wieder selbst von den größten Einbrüchen erholen und zu neuen Rekorden aufwärtsbewegen, solange es Megathemen wie z.B. Digitalisierung gibt. Auch die Corona-Pandemie und die Zeit unmittelbar nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine waren geopolitisch alles andere als ein Zuckerschlecken. Aktien hat es langfristig dennoch nicht geschadet. Denn Wirtschaft ist kein starres Konstrukt. Vielmehr findet erfolgreicher Strukturwandel statt, der sich auch im aktuellen Szenario über die virtuelle Welt zeigt.

Liebe Anlegerinnen und liebe Anleger, überlegen Sie an dieser Stelle einfach einmal, welche gewaltige Performance Ihnen entgangen wäre, wenn Sie seit der Finanzkrise 2008 auf die apokalyptischen Reiter gehört hätten und auf Aktien verzichtet hätten.

Zwar ist zwischenzeitlich mit größeren Kursschwankungen zu rechnen. Aber mit Sparplänen werden sie sogar zur großen Chance. Denn in sinkenden Kursphasen erhält man das Anlageobjekt Aktie zum günstigen Preis bzw. für den gleichen Spar- mehr Aktienanteil. Und bei einer Börsenerholung geht das gesamte Aktienvermögen auf wie Teig nach der Zugabe von Backhefe. Längerfristig kann man nur staunen, welche Vermögenszuwächse und Renditen erzielt werden, trotz aller Krisen.

Grafik 8: Durchschnittskosteneffekt an den Aktienmärkten

Der Ausverkauf bei Gold und Silber ist „technischer“ Natur und Ansteckungseffekten der scharfen Kursverluste an den Weltbörsen geschuldet. Dabei geraten Spekulanten unter Druck, die Aktien auf Pump gekauft haben. Bei Kursverlusten müssen sie plötzlich ihre Nachschusspflichten (sog. margin calls) erfüllen, da die im Wert gefallenen Aktien keine ausreichende Kreditbesicherung mehr bieten. Zur Liquiditätsbeschaffung machen Anleger dann Kasse bei Gold und Silber, insbesondere wenn Buchgewinne existieren.

Angesichts der langfristig hartnäckigen geopolitischen-, Inflations- und Überschuldungsprobleme bleibt Gold längerfristig als sicherer Anlagehafen jedoch unkritisch. Die Anfang 2025 erkennbar eingeleitete positive Trendwende der physisch gehaltenen Goldbestände börsengehandelter Fonds hat sich zuletzt verlangsamt, wird sich jedoch fortsetzen, wenn sich das Kriegsgeschrei wieder beruhigt.

Grafik 9: Weltweit von börsengehandelten Fonds gehaltene physische Goldbestände und Goldpreis

Sentiment und Charttechnik DAX - Wir sind noch nicht durch

Aus Sentimentsicht untermauert die anhaltend niedrige Investitionsquote unter institutionellen US-Anlegern die Skepsis gegenüber einer nachhaltigen Aktienerholung.

Grafik 10: Aktien-Investitionsquote US-Fondsmanager

Auch Kleinanleger wollen gemäß Umfrage der American Association of Individual Investors zunächst nicht zugreifen und warten auf den finalen Sell off. Immerhin dient das wachsende Lager der Pessimisten am US-Aktienmarkt als klarer Kontraindikator.

Für eine Bodenbildung spricht auch der Fear & Greed Index von CNN Money, der aus dem Bereich „Angst“ in „extreme Angst“ gefallen ist.

Grafik 11: Fear & Greed Index von CNN Money

Charttechnisch liegen bei fortgesetzter Korrektur Unterstützungen bei 22.707, 22.483 und 22.408 Punkten. Darunter befinden sich Haltelinien bei 22.350 und 21.850. Dreht der Index in eine Aufwärtsbewegung, trifft er bei 22.920, 23.023, 23.058 und 23.250 Punkten auf Widerstände.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG

Von Robert Halver